Der Dino-Muskel

Letztens kam ein Kunde zu mir, mit einem schon leicht besorgten Blick, und fragte:

"Wie trainiere ich eigentlich meinen musculus semimembranosus?"

Ja genau. Du denkst dir jetzt wahrscheinlich sogar genau dasselbe wie ich: Bitte was? Was willst du trainieren? Hast du dich verschluckt? Hast du im Lexikon für seltene Gattungen von Eidechsen gestöbert? Sind die Dinosaurier ausgebrochen? Oder hast du seit neustem Lateinunterricht in der Kirche?

Der musculus semimembranosus. Großartiges Teil. Eines meiner Lieblinge. Lass ihn uns in diesem Artikel den „Dino-Muskel“ nennen. Ich fragte meinen Kunden aus Spaß, ob er denn das Ligamentum popliteum obliquum mit dazu trainieren möchte oder doch lieber isoliert nur den Dino-Muskel. Und was ist eigentlich mit der Bursa subtendinea musculi semimembranosi? Die geht richtig ab auf Parties, ich schwöre!

Natürlich färbte sich in seinen Augen die Unwissenheit ab. Zugegeben: Ich hatte die Wörter zufällig kurz zuvor auf einer Wikipedia-Seite geöffnet. Andernfalls wären sie mir niemals in den Sinn gekommen. Kein Wunder, bei diesen nahezu unaussprechlichen Monstern.

Wie funktioniert der Körper?

Lass uns mal die Hand aus der Hose nehmen und einen Schritt zurück machen, abseits von diesem Gespräch. Was macht eigentlich unser Körper?

Wie funktionieren Muskeln? Wie funktionieren Bewegungen? Wie funktioniert der Körper? Nein, den anatomischen Teil lassen wir komplett außen vor. Den interessiert eh keine Sau. Schauen wir uns lieber folgende Situation an: Du hebst etwas vom Boden auf. Was passiert dabei? Spannst du nur einen deiner 650 Dino-Muskeln an? Oder mehrere? Was machen die Sehnen? Die Knochen? Das Bindegewebe? Organe? Was genau macht der Körper? Nicht nur die Muskeln, sondern wirklich der gesamte Bewegungsapparat!

Unser Körper ist nicht dazu ausgelegt, einzelne Muskeln zu benutzen. Unser Körper ist dafür geschaffen, Bewegungen zu vollführen. Sei es das Gehen, das Aufheben, das Treppensteigen. Wieso sollten wir also in irgendeiner Form isoliert einen Muskel trainieren? Wieso beachten wir die Muskeln überhaupt? Wen interessiert es, wie man „die Brustmuskulatur“ trainiert? Außer eben du hast das Ziel die größtmöglichen Muckis im Club zu haben. Doch in einem Training, welches auf Gesundheit fokussiert ist, sollten wir Muskeln komplett außen vorlassen. Denn dort ergibt es deutlich mehr Sinn, Bewegungen zu trainieren.

Bewegungsmuster, die in unserem Kopf abgespeichert sind, zu optimieren und zu formen. Eben Muster, die wir täglich gebrauchen. Das Gehen an sich ist schon ein recht kompliziertes Muster, welches die meisten falsch ausführen. Was bringt dir eine eisenharte Brust, wenn du wie ein betrunkener Affe durch die Gegend taumelst? Aber dazu in einem anderen Artikel mal mehr.

Welche Bewegungen kennt unser Körper?

Welche Bewegungen führen wir also mit unserem Körper am meisten aus? Welche Bewegungen brauchen wir im Alltag? Fangen wir mal ganz leicht an:

Wir können Gegenstände von uns wegdrücken, sowohl horizontal, als auch vertikal nach oben. Ebenso können wir Gegenstände zu uns heranziehen, wieder einmal horizontal und vertikal.

Wir können in die Kniebeuge gehen, oder jedenfalls sollten wir das können. Wir können unsere gesamte hintere Muskulatur nutzen um unseren Körper zu strecken, wie es beispielsweise beim Kreuzheben der Fall ist. Ebenso können wir die gesamte vordere Muskulatur nutzen, um uns einzurollen.

Wir können unseren Körper rotieren. Wir können Laufen, auch mit Gewicht. Ebenso sollten wir die Statik und die Reflex- bzw. Schnelligkeitsbewegungen mit einbringen. Also die Fähigkeit, sich möglichst anzuspannen und zu stabilisieren, sowie die Möglichkeit reflexartige und möglichst schnelle Bewegungen auszuführen.

Ende der Geschichte. Für die ganz pingeligen Leute können wir noch zusätzlich sagen, dass eine Mischung aus den jeweiligen Bewegungen möglich ist. Wem noch eine Bewegung einfällt, dem sei ein langes Leben gegönnt.

Bist du in der Lage, diese elf fundamentalen Bewegungen optimal auszuführen, hast du aus orthopädischer Sicht einen gesunden Körper. Eben das, was wir fast alle nicht haben, aber haben wollen. Für die Fitnessliebhaber habe ich noch einmal beispielhafte Übungen hinter die jeweiligen Bewegungen geschrieben. Fassen wir zusammen:

Die Big 11
Horizontales DrückenBankdrücken, Brustpresse
Vertikales DrückenMilitary Press, Schulterdrücken
Horizontales ZiehenJegliche Form von Rudern
Vertikales ZiehenKlimmzug, Latziehen
KniebeugeKniebeuge, Ausfallschritte
Hintere KetteKreuzheben, Brücke
Vordere KetteCrunches mit Medizinball werfen, Liegestütz
DrehbewegungenRussian Twist, Rudern mit Eindrehen
Schnelligkeitjegliche plyometrische Übungen
StatikFrontstütz, Seitstütz
GehenFarmers Walk, Pistol Grip

Functional Failing

Formst du aus diesen beispielhaften Übungen einen Trainingsplan, dann Hallelujah, wartet die Olympia in 2-3 Jahren auf dich.

Durch das „Functional Training“, oder auch „Funktionelles Training“ genannt (was leider nicht so cool klingt, da es deutsch ist), wurde das Training genau in eine solche Richtung geprägt. Alltagsnahe Bewegungen trainieren, anstatt isoliert irgendwelche blöden Muskeln. Leider ist der Begriff mittlerweile von jedem 5€-Studio-Trainer derart ausgelutscht, dass er sehr stark an Bedeutung verloren hat und der eigentliche Ansatz von funktionellem Training immer mehr verloren geht. Da heißt es dann „Der Bizeps hat eine FUNKTION und wenn du ihn an der Maschine trainierst, ist das funktionelles Training.“ Tut mir leid, meine Nackenhaare stellen sich gerade auf. Funktionelles Training ist übrigens auch kein Affenzirkus. Nur, weil du deine Bizepsübungen einbeinig auf einem wackeligen Untergrund machst, hat das noch lange nichts mit Funktionalität zu tun.

Doch jetzt bist du ja perfekt informiert. Also worauf wartest du eigentlich noch? Geh Bewegungen trainieren, los los!

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